Wie stellst du dir diesen reichen Menschen vor? Was denkst du, über welche Reichtümer er verfügte?
Der Text lässt diese Frage offen. Vielleicht war es ein Milliardär oder ein Millionär. Vielleicht war es ein Handwerker, ein Verwaltungsangestellter oder ein Student, der sich einfach nur gern gut kleidete und während seines Urlaubs als Tourist der Promenade entlang schlenderte.
Was ist Reichtum? Wenn ich mir alles leisten kann, was ich möchte? Oder ist Reichtum schon einfach, mehr zu haben als der andere? Reichtum hat oft mit Vergleichen zu tun. Interessanterweise vergleichen wir uns bei dieser Frage in der Regel mit denen, die mehr haben. Den Blick für die, die weniger haben, vergessen wir.
Vielleicht ist die eigentliche Frage auch nicht, ob wir reich sind, sondern was wir uns von Reichtum versprechen? Wir malen uns ein Leben aus, in dem wir empfundene Defizite überwinden. Wir denken vielleicht: Wenn ich mir dies oder jenes leisten könnte, wäre ich reich. Aber am Ende geht es nicht um Reichtum, sondern um Zufriedenheit und Glück. Zufriedenheit und Glück müssen aber nicht zwangsweise vom Inhalt der Brieftasche abhängen. Ich kenne Menschen, die sehr wohlhabend und unzufrieden sind, während es Personen gibt, die wesentlich weniger als ich besitzen, aber eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlen.
Die Frage ist also viel mehr: Wie erlangt man Zufriedenheit? Ich weiß nicht, ob es darauf DIE eine Antwort gibt. Aber ich stelle fest, dass die zufriedenen Menschen, die ich kenne, den Eindruck vermitteln, grundsätzlich genug zu haben. Sie haben nicht alles und können sich auch nicht alles leisten, aber das möchten sie auch nicht. Sie sehen mehr auf das Gute, das sie umgibt, als auf den Mangel, der sie antreiben könnte. Vielleicht ist Reichtum oft eine Frage der Perspektive.
Wichtig an der Stelle ist, dass ich hier nicht von den Menschen spreche, die morgens nicht wissen, was sie den Tag über essen sollen. Die keinen Zugang zu adäquater Gesundheitsversorgung und Bildung haben oder die bei Kleidung auf Spenden anderer angewiesen sind. Dass wir es in Deutschland nicht schaffen, Menschen aus solch prekären Lebenssituationen herauszuhelfen, ist unser aller Armutszeugnis. Und hier kommt der zweite Aspekt dieser Geschichte ins Spiel. Die Frage, ob ich bereit bin, einen Teil dessen, was ich habe, mit anderen zu teilen. Dabei kommt es im ersten Schritt nicht darauf an, wie viel ich gebe. Es kommt darauf an, dass ich gebe. Dass ich es als Privileg erachte, einen Teil meines Reichtums anderen geben zu können. Wer damit beginnt, erhält die Chance zu begreifen, dass er nicht nur genug besitzt, sondern dass sein Besitz ihn auch in die Lage versetzt, etwas in dieser Welt zum Besseren zu wenden. Auch auf diese Weise kann aus Reichtum Zufriedenheit werden.
Bild & Text

Ein reicher Mensch mit Fliege ging am Meer entlang.
Da traf er einen Armen, an ein Geländer gelehnt,
der bettelte ihn um seine Börse an.
Der Reiche sprach: „Meine Börse kannst Du nicht haben.“
„Dann gib mir Deine Fliege“, entgegnete der Arme.
Nach kurzem Zögern gab der Reiche diese:
„Was bringt Dir meine Fliege?“, wollte er noch wissen.
„Nichts“, hielt der Arme ihm entgegen, „aber es lehrt Dich, zu geben.
Und wenn Du nicht mit viel beginnst, dann fang mit wenig an.
Wichtig ist nur, dass Du teilen lernst.“



