2024 018 Wurzel am See

Die Geschichte zum Bild

Dieses Bild wurde im Jahr 2007 in Kanada aufgenommen. Morgens an einem See irgendwo in der Nähe des Banff National Parks. Der Wald, den man im Hintergrund sieht, stand im Wasser und zwischen seinen Bäumen zog ein Ruderer seine Bahn. Am am Ufer lag diese riesige Wurzel.

Ich kam gerade rechtzeitig als ein Vogel oben auf diesem großen Stück Holz platz nahm und so kam diese Aufnahme zustande.

Vermutlich hätte es sich der Baum, zu dem diese Wurzel gehört hatte, nie träumen lassen, dass ausgerechnet in der Teil von ihm, der ganz unten in der Erde vergraben war, einmal einem Vogel als Ruheplatz dienen würde. Die Geschichte hat das Leben dieses Baums mehr oder weniger im wörtlichen Sinne auf den Kopf gestellt und ihm, auf diese Weise, seinen Sinn bewahrt.

Was könnten wir mit unserem Leben noch alles anfangen, wenn wir es einmal ganz neu denken würden? Nicht, dass das Bisherige schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil! Aber Leben bedeutet Veränderung und irgendwann, wenn wieder einmal alles Kopf zu stehen scheint, mag die Zeit reif sein, um sich zu überlegen, welche Chancen sich daraus ergeben könnten.

Bild & Text

Das Leben hat tausend Idee, Altem neuen Sinn zu geben.
Die Kunst ist, es geschehen zu lassen.

Daten zum Bild


Bildnummer: 01.200700020_50x70_01
Schlagwörter :

2024 014 Mann im Boot

Geschichte zum Bild

Der Ort, an dem dieses Bild entstanden ist, tut eigentlich nichts zur Sache. Dieses Bild könnte auf jedem See der Welt aufgenommen sein. Trotzdem sei das Gut Ralligen in Merligen, direkt am Thuner See in der Schweiz, hier erwähnt. Einfach weil es ein so toller Ort ist. Das im 14. Jahrhundert gegründete Rebgut des Augustiner-Klosters Interlaken, ist seit 1976 Gästehaus der Christusträger Bruderschaft und wird für Gemeinde- und Familienfreizeiten, Retraiten, Mitarbeitertagungen und Kloster auf Zeit aber auch als Pilgerherberge genutzt. Viele der Pilger, die wir dort getroffen haben, sagten, dass es eine der schönsten Pilgerunterkünfte sei, die ihnen auf ihrer bisherigen Reise begegnet wären. Neugierig? Hier der Link zu den Christusträgern.

Zum Gut Ralligen gehört auch ein kleines Bootshaus mit Ruderboot. Und so sieht man ab und an Gäste des Gutes dort rudern. An dem Morgen, an dem dieses Bild aufgenommen wurde, reflektierte das Wellenspiel des Sees das Licht besonders intensiv. Das kleine Boot machte auf dem See einen beinahe verlorenen Eindruck. Ob es da gewesen wäre oder nicht hätte für die Welt in diesem Augenblick keinen Unterschiede gemacht – es war bedeutungslos.

Der Text zu dem Bild entstand schon viel früher. Aber auch damals war der Auslöser ein einsames Boot auf einem morgendlichen See. Nur dieses mal war der Ruderer viel besser zu erkennen und bot so die Gelegenheit die Aussage noch etwas zu unterstreichen, in dem ich nur die leere Hülle von ihm übrig lies.

Was gibt Menschen Bedeutung? Die Rolle die sie einnehmen? Oder sind Rollen nur Hüllen aus Erwartungen und Verantwortungen, die das Handeln von Menschen in einem bestimmten Kontext zwar bestimmen aber ihr eigentliches Potential und ihre eigentliche Bedeutung gleichsam in sich begraben? Es mag beides geben. Was machen Deine Rollen mit Dir? Was ist Deine Bedeutung im Leben? Stimmt das was Du bist, kannst und was Du Dir erträumst mit Deiner Rolle überein?

Neben dem Thema der Bedeutung, kann man dieses Bild auch noch in eine andere Richtung „denken“. In Richtung der so oft ersehnten Freiheit.

Heute wird uns gerne „verkauft“, dass eines der höchsten Güter die individuelle Freiheit ist. Egal ob in einem Werbespot für Urlaubsreisen, Autos oder für Alkohol. Die Erfüllung unseres Wunsches nach Freiheit wird mit dem Besitz und der Inanspruchnahme der beworbenen Produkte oder Dienstleistungen verknüpft. Aber was ist Freiheit? Definieren wir sie einmal als „Abschaffung von allen Erwartungen und Verantwortungen, um jederzeit alles tun zu können wonach einem der Sinn steht“. Deshalb wird auch gern der Besitz von genügend Kapital mit Freiheit in Verbindung gebracht. Im Grunde genommen wäre die Erreichung dieser Form von Freiheit doch sehr einfach. Man müsste „nur“ alle Verpflichtungen hinter sich lassen und aus allem aussteigen. Interessanterweise tun das die Wenigsten. Und ich glaube, das hängt mit einem zweiten Wunsch zusammen, den wir Menschen noch tiefer in uns tragen. Dem Wunsch nach Bedeutung. Wir wollen wahrgenommen und wertgeschätzt werden.

Nehmen wir für einen Augenblick an, Du würdest über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügen und würdest beschließen alles hinter Dir zu lassen. Die Familie, den Beruf, die Freunde, Deinen Wohnort – einfach alles. Nach dem ersten Tag würde sich Deine Hausärztin nicht mehr an Dich erinnern. Nach ungefähr einer Woche hätte Dich der Bäckereifachverkäufer um die Ecke, mit dem Du Dich beim Brötchen holen so nett unterhältst, vergessen. Nach spätestens sechs Monaten würden die Kollegen und Chefs in Deinem Unternehmen nicht mehr an Dich denken. Nach zwei Jahren wärst Du bei den Bekannten noch bestenfalls eine Frage wert „Was war nochmal mit …. ? Wir haben nie wieder was von …. gehört.“ und dann wärst Du „abgehakt“. Deine Freunde würden Dir vielleicht noch ein wenig länger nachdenken und in Deiner Familie wärst Du im besten Fall eine schmerzliche Lücke derer sich man bei besonderen Gelegenheiten immer wieder bewusst wird. Deine alte Welt würde einfach ohne Dich weiter machen. Und das ist gut so. Die Welt kann nicht aufhören zu existieren weil ein einzelner Mensch sich von ihr zurück zieht.

Soviel Bedeutung hättest Du also noch, wenn Du grenzenlos frei wärst. Ein Ruderer auf einem endlosen See. Ob Du existieren würdest oder nicht – bedeutungslos.

Bedeutung erlangen wir erst in der Interaktion mit unserer Umwelt. In dem wir auf sie einwirken, schon alleine dadurch, dass es uns gibt. Aber dazu müssen wir „irgendwo“ eingebettet sein. „Grenzenlose Freiheit“ – ich glaube, dass wollen die wenigsten, auch wenn sie uns gern verkauft wird. Dass dies in manchen von uns eine Sehnsucht schafft, mag damit zusammenhängen, dass sie in dem Kontext, in dem sie heute leben, nicht zufrieden sind. Wir brauchen also nicht die „grenzenlose Freiheit“ sondern die Einbettung in den richtigen Kontext und die richtigen Rollen. Wir brauchen Grenzen und Rollen, um uns zu definieren. Um sein zu können und Bedeutung zu erlangen. Wenn wir den richtigen Kontext finden – oder ihn vielleicht schon gefunden haben – stellt sich die Frage nach der Freiheit nicht mehr. Dann sind wir frei in den Grenzen und Rollen, in denen wir leben.

Bild & Text

Bedeutungslosigkeit ist die höchste Form der Freiheit.
Sie befreit uns von allen Erwartungen
und entlässt und aus aller Verantwortung.

Seltsam, dass wir so wenig nach ihr streben.

Daten zum Bild


Bildnummer: Lyrimage_240519_Merligen_00164-Bearbeitet-2-Bearbeitet
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2024 009 Randfigurenquartett

Die Geschichte zu den Bildern

Den Impuls zu diesem „Randfigurenquartett“ erhielt ich durch das Bild vom Bodensee bei Bad Schachen. Die Menschen, die dort am Strand entlang spazierten, wirkten in ihrer silhouettenhaften Erscheinung zwischen den großen Bäumen vor dem Hintergrund des Sees und der Alpen wie Zwerge auf einer viel zu großen Bühne. Der Titel „Randfiguren“ drängte sich geradezu auf.

Beim Durchstöbern meiner Bilder nach weiteren „Randfiguren“ begegneten mir die drei anderen Motive.

Das Schiff, das vor der Küste Korsikas früh morgens – aus dieser Distanz lautlos – seines Weges zog und vor der Kulisse des morgendlichen, mit Wolken bedeckten, Meeres wie eine unbedeutende, bald der Vergangenheit angehörige Randnotiz in der endlos erscheinenden Weite der See wirkte.

Die Hütte in einem Hochtal bei Samnaun in der Schweiz, die gerade zu beiläufig am Wegrand stand und, wenn man nicht von oben auf sie herunterschaute, sondern dort entlang wanderte, keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zog.

Und das Kreuz in der Kirche, das an dieser maroden Mauer hing, als wäre es dort vergessen worden und als wollte sich jemand mit der Rose darunter dafür entschuldigen.

Alles irgendwie „Randfiguren“. Auf dem Berg in Korsika spielte dieses Schiff für mich genauso wenig eine Rolle wie die Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes mir den Blick verstellten oder die Hütte, für die sich keiner, der dort vorbeiging, interessierte, und das Kreuz, das in der kühlen, feuchten Kirche sich selbst überlassen schien.

Wie hängen all diese Motive zusammen? In keinem der Bilder nehmen diese „Randfiguren“ eine zentrale Rolle ein. Es sind eben „Randfiguren“. Man mag sie missachten, übersehen, geringschätzen oder am liebsten aus dem Bild verbannen wollen. Und doch verändern sie die Szenerie. Setzen zum Teil unbemerkt Schwerpunkte und Akzente, ohne die „etwas“ fehlen würde. Sie verändern auch als Randfiguren ihre Welt.

Auch unser Glauben wird getragen von einer Randfigur. Von den „Wichtigen“ dieser Welt geringgeschätzt und abgeschafft, und doch, im wörtlichen Sinne, nicht tot zu kriegen. Weltverändernd. In all ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit hat diese „Randfigur“ sich dazu entschlossen, uns nicht zu verlassen, als sie von uns verlassen wurde. Ein Gott wie dieser hätte es nicht nötig, sich mit uns „Randfiguren“ zu beschäftigen. Er braucht uns wirklich nicht. Aber er will nicht ohne uns.

Möge diese „Randfigur“ uns ein Vorbild und eine Ermutigung sein, wenn wir uns einmal wieder selbst als „Randfigur“ fühlen. Wir sind wertgeschätzt. Und wir können mehr, als wir glauben wenn der mit uns ist, an den wir glauben.

Bilder und Text

Randfiguren – Verlassen die Weltgeschichte heimlich und leise. Niemand vermisst sie.

Randfiguren – Spielen keine große Rolle auf der Bühne des Lebens. Niemand braucht sie.

Randfiguren – Stehen abseits bedeutender Bewegungen. Niemand beachtet sie.

Randfiguren – Verlassen, bedeutungslos, missachtet. Sie vermögen alles zu verändern.

Daten zu den Bildern

Bildnummern: Lyrimage_170614_unbenannt_00091-Verbessert-RR; Lyrimage_20230101_Bodensee_00027-Bearbeitet; Lyrimage_200909_Samnaun_00022; _DSC0529

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2024 004 Sterne über See

Geschichte zum Bild

Im Februar am Hopfensee begann die Fotosession kurz nach 5:00 Uhr morgens. Wunderschön und still. Wenn man um diese Uhrzeit länger unbewegt am See steht, wird man von so manchem frühen Jogger etwas argwöhnisch beäugt. Zumindest bis er das Stativ und die Kamera darauf entdeckt. Dann entspannen sich die Gesichtszüge und man erntet sogar das eine oder andere mehr oder weniger mitleidige Lächeln ob der Kälte.

Aber das ist das Vorrecht des Fotografen: Man muss nicht auf Zeit und Puls achten, sondern darf einfach nur herumstehen und beobachten.

Wenn man an einem solchen Morgen an einem spiegelglatten, nahezu menschenleeren Ufer steht und zusieht, wie die Milchstraße kurz über den bergigen Horizont lugt, bevor der Sonnenaufgang sie überstrahlt, kann man schon ins Staunen kommen ob all der Unendlichkeit, die sich über einem spannt… und ins Nachdenken über die Frage, welche Bedeutung wir angesichts eines solchen Maßstabs noch haben. Vielleicht sind Bedeutung und Sinn aber gar keine Frage des Maßstabs, sondern eine Frage unserer eigenen Werte und Entscheidungen. Denn hier auf diesem kleinen Punkt in diesem unendlichen Universum können wir einen Unterschied machen.

Bild & Text

Wundermächtig schön ziehen sie ihre Bahn. Erinnern uns ganz still daran,
wie unbedeutend wir für all das sind, was in diesem Sternenmeer geschieht.
Doch hier im Kleinen immer Kleineren dürfen wir zu Schöpfern und zu Weltenlenkern werden. Entscheiden über Sinn.
Wie ohnmächtig mächtig wir doch sind.

Daten zum Bild


Bildnummer: Lyrimage_230222_Winterurlaub_00057-Verbessert-RR
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2024 001 Bank am Ufer

Die Geschichte zum Bild

Diese Bank und diese Allee habe ich am Bodensee gefunden. Gerade im Winter, wenn die Bäume ihre Blätter verloren haben, können Bäume mit dem Wirrwarr ihrer Äste eine ganz besondere Faszination ausüben. So hat mich auch dieser Tunnel aus Ästen besonders in seinen Bann gezogen. Sonntagmorgens um 9:00 Uhr am 1.1.2023 haben sich die meisten Menschen noch von der vorabendlichen Silvesterfeier erholt. So hatte ich die Allee beinahe für mich alleine. Es ist ein Vorrecht, solche menschenleeren Szenarien erleben zu dürfen.

Der Text fiel mir erst später in einem anderen Zusammenhang ein. Aber ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie ein alter Mönch auf dieser Bank zufrieden und dankbar auf die Schönheit des Sees blickte, während seine Brüder der Allee entlang wandernd in ihre Gedanken versunken waren. Und ich konnte ihn vor mir sehen, diesen jungen, ehrgeizigen Bruder, der mit aller Kraft der Jugend danach jagte, sein Glück zu finden, und dabei den eigentlichen Reichtum des Lebens darüber fast vergaß.

Der Unterschied zwischen einem getriebenen und einem in sich ruhenden Menschen mag in der Frage begründet liegen, ob ein Mensch etwas haben will, auf das er stolz sein kann, oder ob er sich an dem erfreut, was ihm an Möglichkeiten geschenkt wurde. Und wenn auch das Ergebnis nach außen hin dasselbe sein mag, kann es nach innen über die Frage von Glück und Unglück entscheiden.

Bild & Text

Ein Schüler, der Tag um Tag in einem Kloster all seine Übungen vollzog um Glücklich zu werden, traf seinen Meister als dieser zufrieden im Klostergarten auf einer Bank saß und auf den See blickte. Voller Stolz erzählte der Schüler dem Meister: „Meister, ich habe es heute das allererste Mal geschafft alles, was ich mir vorgenommen habe, zu erreichen.“ Der Meister legte dem jungen Mann lächelnd seine Hand auf die Schulter und sagte: „Oh, das ist schön. Ich gratuliere Dir! Und bist Du glücklich?“ „Ja“, antwortete der Schüler ebenfalls mit einem Lächeln.

Am nächsten Tag kam der Schüler wieder zu seinem Meister. Abermals voller Stolz aber etwas müde sagte er: „Meister, ich habe es heute wieder geschafft alles, was ich mir vorgenommen habe, zu erfüllen.“ „Oh, das ist schön“ sprach der Meister abermals, legte dem jungen lächelnd seine Hand auf die Schulter und fragte: „Und bist Du glücklich?“ Nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens sagte dieser „Ja, ich bin etwas müde, aber sehr glücklich.“  „Das freut mich“, erwiderte der Alte.

Am dritten Tag kam der Schüler ebenfalls zu seinem Meister. Und am vierten, am fünften, am zehnten und auch am hundertsten Tag. Jedes Mal voller Stolz und ein wenig erschöpfter.

Am tausendsten Tag nun stand der Schüler nahezu kraftlos vor seinem Meister, der wieder auf der Bank im Garten saß und zufrieden auf den See blickte und frage ihn: „Was mache ich falsch? Ich gewinne zwar an Glück aber verliere immer mehr an Kraft.“ „Dein Glück ist Dein Stolz“ antwortete der Alte. An dem Tag aber, an dem die Dankbarkeit Dein Glück wird, wirst Du auch die Kraft zu leben wiederfinden. Denn Du hast nicht einen einzigen Grund Stolz, aber tausend Gründe dankbar zu sein.“

Daten zum Bild

Bildnummer: Lyrimage_20230101_Bodensee_00003
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