2026 002 Allee im Nebel

Im Nebel verlieren wir die Übersicht. Erkennen nur noch schemenhaft und unvermittelt, was als Nächstes kommt, und verlieren das, was hinter uns liegt, aus dem Blick. Mitten im Nebel zu stehen, mitten im Übergang zwischen Alt und Neu, macht manchen Menschen Angst und kann sie an den Rand der Verzweiflung treiben.

Es gibt aber auch die, die das Alte mit Zuversicht zurücklassen. Weil sie glauben, dass aus dem Verlust des Vergangenen etwas Neues, ja sogar Besseres hervorgehen kann.

Kann man das lernen? Ich glaube ja. Allerdings nicht dadurch, dass man darüber liest, um seinen Verstand davon zu überzeugen, dass eine solche Einstellung von Vorteil wäre. Vertrauen zu lernen kann ein hartes Training sein. Ein Training, in dem vor allem die Erfahrung entscheidend ist, dass auf eine schlechte Situation wieder eine gute folgt. Dafür braucht es jedoch eben zunächst die schlechte Erfahrung. Die wiederum wünscht sich in der Regel niemand. Gott mutet sie uns trotzdem zu. Und nicht nur das. Er mutet sie uns nach seinem Zeitplan zu und stellt damit auch noch unsere Geduld auf die Probe. Aber mit jedem Augenblick, in dem uns Gott im Nebel der Unwägbarkeiten die nächste Wegemarkierung setzt, lernen wir Schritt für Schritt mehr Vertrauen und gleichzeitig auch Gelassenheit. Egal wie dicht der Nebel ist. Und wenn uns Gott dann aus dem Nebel in neue, weite Landschaften führt, kommen wir dort als Menschen an, die vertrauensvoller, gelassener und ruhiger geworden sind.

„Auch wenn es durch dunkle Täler geht, fürchte ich kein Unglück, denn du, HERR, bist bei mir. Dein Hirtenstab gibt mir Schutz und Trost.“ (Die Bibel – Psalm 23,4)

Bild & Text

Gesegnet ist der Mensch,
der nicht an dem verzweifelt, was er verliert,
weil er danach sucht,
was er durch seinen Verlust zu gewinnen vermag.

Daten zum Bild


Bildnummer: Lyrimage_140112_Deutschland_00053
Schlagwörter :

2024 014 Mann im Boot

Geschichte zum Bild

Der Ort, an dem dieses Bild entstanden ist, tut eigentlich nichts zur Sache. Dieses Bild könnte auf jedem See der Welt aufgenommen sein. Trotzdem sei das Gut Ralligen in Merligen, direkt am Thuner See in der Schweiz, hier erwähnt. Einfach weil es ein so toller Ort ist. Das im 14. Jahrhundert gegründete Rebgut des Augustiner-Klosters Interlaken, ist seit 1976 Gästehaus der Christusträger Bruderschaft und wird für Gemeinde- und Familienfreizeiten, Retraiten, Mitarbeitertagungen und Kloster auf Zeit aber auch als Pilgerherberge genutzt. Viele der Pilger, die wir dort getroffen haben, sagten, dass es eine der schönsten Pilgerunterkünfte sei, die ihnen auf ihrer bisherigen Reise begegnet wären. Neugierig? Hier der Link zu den Christusträgern.

Zum Gut Ralligen gehört auch ein kleines Bootshaus mit Ruderboot. Und so sieht man ab und an Gäste des Gutes dort rudern. An dem Morgen, an dem dieses Bild aufgenommen wurde, reflektierte das Wellenspiel des Sees das Licht besonders intensiv. Das kleine Boot machte auf dem See einen beinahe verlorenen Eindruck. Ob es da gewesen wäre oder nicht hätte für die Welt in diesem Augenblick keinen Unterschiede gemacht – es war bedeutungslos.

Der Text zu dem Bild entstand schon viel früher. Aber auch damals war der Auslöser ein einsames Boot auf einem morgendlichen See. Nur dieses mal war der Ruderer viel besser zu erkennen und bot so die Gelegenheit die Aussage noch etwas zu unterstreichen, in dem ich nur die leere Hülle von ihm übrig lies.

Was gibt Menschen Bedeutung? Die Rolle die sie einnehmen? Oder sind Rollen nur Hüllen aus Erwartungen und Verantwortungen, die das Handeln von Menschen in einem bestimmten Kontext zwar bestimmen aber ihr eigentliches Potential und ihre eigentliche Bedeutung gleichsam in sich begraben? Es mag beides geben. Was machen Deine Rollen mit Dir? Was ist Deine Bedeutung im Leben? Stimmt das was Du bist, kannst und was Du Dir erträumst mit Deiner Rolle überein?

Neben dem Thema der Bedeutung, kann man dieses Bild auch noch in eine andere Richtung „denken“. In Richtung der so oft ersehnten Freiheit.

Heute wird uns gerne „verkauft“, dass eines der höchsten Güter die individuelle Freiheit ist. Egal ob in einem Werbespot für Urlaubsreisen, Autos oder für Alkohol. Die Erfüllung unseres Wunsches nach Freiheit wird mit dem Besitz und der Inanspruchnahme der beworbenen Produkte oder Dienstleistungen verknüpft. Aber was ist Freiheit? Definieren wir sie einmal als „Abschaffung von allen Erwartungen und Verantwortungen, um jederzeit alles tun zu können wonach einem der Sinn steht“. Deshalb wird auch gern der Besitz von genügend Kapital mit Freiheit in Verbindung gebracht. Im Grunde genommen wäre die Erreichung dieser Form von Freiheit doch sehr einfach. Man müsste „nur“ alle Verpflichtungen hinter sich lassen und aus allem aussteigen. Interessanterweise tun das die Wenigsten. Und ich glaube, das hängt mit einem zweiten Wunsch zusammen, den wir Menschen noch tiefer in uns tragen. Dem Wunsch nach Bedeutung. Wir wollen wahrgenommen und wertgeschätzt werden.

Nehmen wir für einen Augenblick an, Du würdest über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügen und würdest beschließen alles hinter Dir zu lassen. Die Familie, den Beruf, die Freunde, Deinen Wohnort – einfach alles. Nach dem ersten Tag würde sich Deine Hausärztin nicht mehr an Dich erinnern. Nach ungefähr einer Woche hätte Dich der Bäckereifachverkäufer um die Ecke, mit dem Du Dich beim Brötchen holen so nett unterhältst, vergessen. Nach spätestens sechs Monaten würden die Kollegen und Chefs in Deinem Unternehmen nicht mehr an Dich denken. Nach zwei Jahren wärst Du bei den Bekannten noch bestenfalls eine Frage wert „Was war nochmal mit …. ? Wir haben nie wieder was von …. gehört.“ und dann wärst Du „abgehakt“. Deine Freunde würden Dir vielleicht noch ein wenig länger nachdenken und in Deiner Familie wärst Du im besten Fall eine schmerzliche Lücke derer sich man bei besonderen Gelegenheiten immer wieder bewusst wird. Deine alte Welt würde einfach ohne Dich weiter machen. Und das ist gut so. Die Welt kann nicht aufhören zu existieren weil ein einzelner Mensch sich von ihr zurück zieht.

Soviel Bedeutung hättest Du also noch, wenn Du grenzenlos frei wärst. Ein Ruderer auf einem endlosen See. Ob Du existieren würdest oder nicht – bedeutungslos.

Bedeutung erlangen wir erst in der Interaktion mit unserer Umwelt. In dem wir auf sie einwirken, schon alleine dadurch, dass es uns gibt. Aber dazu müssen wir „irgendwo“ eingebettet sein. „Grenzenlose Freiheit“ – ich glaube, dass wollen die wenigsten, auch wenn sie uns gern verkauft wird. Dass dies in manchen von uns eine Sehnsucht schafft, mag damit zusammenhängen, dass sie in dem Kontext, in dem sie heute leben, nicht zufrieden sind. Wir brauchen also nicht die „grenzenlose Freiheit“ sondern die Einbettung in den richtigen Kontext und die richtigen Rollen. Wir brauchen Grenzen und Rollen, um uns zu definieren. Um sein zu können und Bedeutung zu erlangen. Wenn wir den richtigen Kontext finden – oder ihn vielleicht schon gefunden haben – stellt sich die Frage nach der Freiheit nicht mehr. Dann sind wir frei in den Grenzen und Rollen, in denen wir leben.

Bild & Text

Bedeutungslosigkeit ist die höchste Form der Freiheit.
Sie befreit uns von allen Erwartungen
und entlässt und aus aller Verantwortung.

Seltsam, dass wir so wenig nach ihr streben.

Daten zum Bild


Bildnummer: Lyrimage_240519_Merligen_00164-Bearbeitet-2-Bearbeitet
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