Wer sich für alte Industriebrachen interessiert, dem sei der Landschaftspark Duisburg-Nord empfohlen. Hier kann man nicht nur der Geschichte der Stahlproduktion im Ruhrgebiet nachspüren, sondern auch stundenlang fotografieren.
Das Bild ist für mich auch eine Erinnerung daran, dass es manchmal Geduld braucht, bis sich eine Aufnahmesituation so entwickelt, wie man sie sich als Fotograf erhofft. Konkret hieß das in diesem Fall, dass ich den Hochofen unbedingt von unten aufnehmen wollte. Und so legte ich mich auf den Boden, während meine Frau sich angeregt mit einem Security-Mitarbeiter unterhielt – in der rechten Ecke meines angestrebten Bildausschnittes. Fest davon überzeugt, dass diese Unterhaltung nicht ewig dauern würde, beschloss ich, eine Weile auf dem Boden im Dreck liegen zu bleiben, weil ich zu faul war, wieder aufzustehen. Und so lag ich da und wartete auf das Ende der Unterhaltung meiner Frau, während diverse Menschen an mir vorbeiflanierten und, zum Teil erheitert, zum Teil besorgt, auf mich herabschauten. So ging das ungefähr 10 Minuten. Nachdem die zum Teil besorgten und erheiterten Blicke teilweise in Misstrauen umschlugen, entschied meine Frau dieses Match für sich. Also fotografierte ich das Bild MIT meiner Frau UND dem netten Herren der Sicherheitsfirma. So entstand eines der wenigen Bilder, aus denen ich im Nachgang Menschen herausretuschierte.
Abgesehen von dieser fast schon skurrilen Aufnahmesituation war dieser Ort für mich äußerst faszinierend. Die morbide Stimmung dieses überflüssig gewordenen Molochs aus Stahl ließ vor meinem geistigen Auge die Geschichte wieder auferstehen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl war, als an diesem Ort noch Stahl gekocht wurde. Als Züge voller Kohle anrollten, als flüssiges Roheisen in große Torpedopfannenwagen gegossen und mit der Eisenbahn zu den Gießereien im Umland transportiert wurde. Eine florierende Branche, auf die viele Menschen stolz waren. 57 Millionen Tonnen Roheisen wurden in 82 Jahren produziert. Vermutlich dachten wenige darüber nach, dass dieses Geländer eines Tages dem Verfall preisgegeben sein und ab 1994 als Museum dienen würde.
Alles, was wir Menschen erschaffen, hat ein Verfallsdatum. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Wer seine Fähigkeit zur Anpassung verliert, wird zur Geschichte. So wie dieses Stahlwerk. Aber auch wenn das, was wir erschaffen, zur Vergänglichkeit verdammt ist, bedeutet das nicht, dass damit auch die Welt untergeht, wenn das Alte endet. Die Frage ist, was wir aus dem Alten lernen, um das Neue zu gestalten. Der Homo sapiens entwickelte sich vor circa 300.000 Jahren und hat es geschafft, trotz des Niedergangs diverser Hochkulturen bis heute zu überleben. Was müssen wir heute lernen, um eine Gesellschaft zu erschaffen, die uns auch in Zukunft noch ein gutes Leben ermöglicht?
Ich bin der Meinung, dass wir auf das Ende einer Epoche zusteuern, aber nicht auf das Ende der Welt, wenn wir uns veränderungsbereit zeigen. Ein Weiter-so wird für unsere Nachfolgegenerationen nicht mehr funktionieren. Beginnen wir also, das zu tun, was wir vor 300.000 Jahren gelernt haben – uns an diese Welt so anzupassen, dass wir beide – die Menschheit und die Welt – eine Chance haben, zu überleben.
Bild & Text

Stolze Träume sind gestorben.
Seelenscherben liegen ringsumher.
Demut, Dankbarkeit und Zuversicht soll daraus werden.
Denn Tod heißt immer auch neues Leben.
Und wo die Vergangenheit uns unsere Perspektive nahm,
soll uns die Zukunft eine neue geben.





